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Leben und Essen mit wenig Geld im Alter

Forschung zum Mitmachen will Verbesserung anstoßen

Immer mehr Menschen in Deutschland sind von Armut bedroht. Ihre Lebenssituation ist häufig gekennzeichnet durch einen schlechteren Gesundheits- und Ernährungsstatus, eine ungünstigere Wohnsituation und eine geringere gesellschaftliche Teilhabe. Bei älteren Menschen kommt erschwerend hinzu, dass es kaum Möglichkeiten gibt, aus der Armut herauszukommen, denn unzureichende Altersvorsorge kann nicht rückgängig gemacht werden und körperliche Einschränkungen führen zu verringerter Fähigkeit eines Hinzuverdienstes. Daher hat die Verbesserung ihrer Situation eine große gesellschaftliche Relevanz.

Genau hier setzt das Forschungsprojekt „ELSinA - Ernährungs- und Lebenssituation von Seniorinnen und Senioren in Armut“ an. Erarbeitet wird ein Aktionsplan, anhand dessen die Ernährungs- und Lebenssituation verbessert werden kann. Im Fokus steht dabei die Veränderung der Lebensverhältnisse von Seniorinnen und Senioren in finanzieller Armut, die im Privathaushalt leben. Dabei wird berücksichtigt, dass Ernährungs- und Lebenssituationen durch vielfältige, tiefgreifende Einflussfaktoren und deren komplexes Zusammenspiel geprägt sind. Um etwas zu verändern, müssen die unterschiedlichen Interessen, Ziele, Teilhabemöglichkeiten und Kompetenzen beteiligter Akteurinnen und Akteure im Prozess berücksichtigt werden. Im Projekt ELSinA wird darum ein transformationsorientierter Ansatz angewendet, der diesen Herausforderungen gerecht wird. Dieser Ansatz wurde am Institut für Ernährungsverhalten des MRI konzipiert und kombiniert empirische Sozialforschung, Systemwissenschaften und Transdisziplinarität.

Das allgemeine Vorgehen in ELSinA ist in Abbildung 1 dargestellt.

Erstes Teilziel von ELSinA war, ein besseres Bild über die Lebensverhältnisse von Menschen mit wenig Geld ab 65 Jahren zu erarbeiten. Denn bislang gibt es für Deutschland kaum Daten zur Ernährungs- und Lebenssituation dieser Personengruppe. Deshalb wurde zunächst die Ausgangslage von einzelnen Seniorinnen und Senioren erfasst. Ende 2023 bis Sommer 2024 wurden 14 Personen aus Karlsruhe insbesondere zu ihren verfügbaren Ressourcen, Problemen und persönlichen Wünschen befragt. Hierbei kamen folgende Methoden zum Einsatz: Photovoice, bei der die Seniorinnen und Senioren Fotos in ihrer Ernährungs- und Lebenssituation anfertigten und anschließend darüber erzählten (Schritt 1) sowie qualitative Interviews und Fragebögen (Schritt 2).

Auf dieser inhaltlichen Basis aufbauend, wurde im Juni 2024 eine „Zukunftswerkstatt“ durchgeführt (Schritt 3). Eingeladen waren neben den bereits interviewten Karlsruher Seniorinnen und Senioren als Expertinnen und Experten ihrer Lebenswelt Personen aus sozialen Organisationen und Initiativen, die einen Überblick über die Lebenssituationen der Zielgruppe haben. In dem Workshop identifizierten und priorisierten die Teilnehmenden die dringlichsten Veränderungsbedarfe älterer Menschen mit wenig Geld in Deutschland. Im Fokus stand dabei immer die Frage, wie deren Ernährungs- und Lebenssituation verbessert werden kann.

Mit den Ergebnissen der Zukunftswerkstatt wurde das Forschungsthema für den weiteren ELSinA-Prozess festgelegt: ernährungsbezogene Teilhabechancen von Seniorinnen und Senioren mit wenig Geld. Dabei wird sowohl Teilhabe an Ernährung (durch Selbstbestimmung der Lebensmittelwahl) als auch Teilhabe durch Ernährung (durch auswärts Essen und Trinken, den Besuch von Veranstaltungen mit Essen und Trinken und das Bewirten von Gästen zu Hause) betrachtet.

Im Anschluss erarbeiteten die bislang Beteiligten und weitere Akteurinnen und Akteure aus unterschiedlichen Bereichen wie Zivilgesellschaft, Politik/Verwaltung und Wissenschaft während mehrerer Workshops von Oktober 2024 bis Februar 2025 dieses Forschungsthema als Systemkarte (Schritt 4.1). Ziel war es, durch partizipative Modellierung die Rahmenbedingungen und Strukturen verstehen zu lernen, die den geringen Teilhabechancen von Älteren mit wenig Geld an und durch Ernährung zu Grunde liegen. Gemeinsam wurden relevante Variablen identifiziert und kausale Zusammenhänge zwischen diesen diskutiert. Mit Unterstützung des Modellierungsteams vom MRI wurden so die Expertise und die Sichtweisen der Teilnehmenden live in ein qualitatives grafisches Modell der Wirkungsbeziehungen “übersetzt”.

In der entstandenen Systemkarte können auch komplexe Wirkungsbeziehungen zwischen verschiedenen Aspekten der Probleme so dargestellt werden, dass sie verstehbar sind. Komplexität wird dadurch handhabbar, statt sie übermäßig vereinfachen zu müssen. Die Systemkarte dient im Prozess als Denkwerkzeug und erweitert die menschlichen Fähigkeiten des Begreifens komplexer Sachverhalte. Es erscheint Schritt für Schritt ein Bild, welches man in den einzelnen Teilen noch nicht sehen konnte. Im Ergebnis steht ein gemeinsames, tiefgreifendes Verständnis der komplexen Strukturen, welche für die geringen Teilhabechancen an und durch Ernährung von Älteren mit wenig Geld ursächlich verantwortlich sind.

Auf der Systemkarte aufbauend werden in weiteren Workshops seit März 2025 (Schritte 4.2 und 5) durch Einbezug unterschiedlichster Perspektiven mögliche Lösungsansätze erarbeitet. Die vielversprechendsten werden ausgewählt und zu gesellschaftlich tragfähigen und umsetzbaren Maßnahmen konkretisiert. Diese werden schließlich Teil eines Aktionsplans, der zur Verbesserung der Ernährungsteilhabe von älteren Menschen mit wenig Geld beitragen soll.

Das Projekt ELSinA läuft noch bis Ende 2026.

 

Weitere Informationen:

Meldung 18.07.2025: Zusammenarbeit in Innovationsteams startet im ELSinA-Projekt

Meldung 3.04.2025: Ernährungsteilhabe älterer Menschen verbessern

Meldung 5.12.2024: Workshop im Projekt ELSinA am MRI

Pressemitteilung 2.10.2024: Erste Ergebnisse des ELSinA-Projektes