Ist Olivenöl tatsächlich „natives Olivenöl extra“ oder von minderer Qualität? Und handelt es sich bei Rindfleisch tatsächlich um Rindfleisch oder ist es eventuell mit Pferdefleisch vermischt? Von Mittwoch, 5. November bis Freitag, 7. November 2025 veranstaltete das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) und das Nationale Referenzzentrum für authentische Lebensmittel (NRZ-Authent) des Max Rubner-Instituts (MRI) eine internationale Konferenz in Berlin, um den Kampf gegen Lebensmittelbetrug zu stärken und die Zusammenarbeit zwischen den zuständigen Behörden in Deutschland, Europa und auf internationaler Ebene zu verbessern. Zusätzlich war die Konferenz per Livestream verfügbar; Übersetzungsdienste wurden ebenfalls angeboten.
Bundesminister Alois Rainer begrüßte persönlich die über 300 angemeldeten Teilnehmenden der Konferenz (vor Ort und online): „Je komplexer die Zeiten, desto größer sind die Anreize für Betrügerinnen und Betrüger“. Daher sei das Ziel, „unsere Verbraucherinnen und Verbraucher bestmöglich vor Betrug [zu] schützen“. Er erinnerte an den Pferdefleisch- und an den Melamin-Skandal als zwei besonders schwere Fälle von Lebensmittelbetrug und lud die Teilnehmenden aus über 50 Ländern dazu ein, diese Konferenz zu nutzen, um gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. Danach begrüßten Tanja Schwerdtle (Präsidentin des MRI), Ilka Haase (Leiterin des NRZ-Authent), und Koen van Dyck (DG Santé, G.5) die Teilnehmenden und wünschten diesen eine inspirierende und produktive Konferenz, einen fruchtbaren Austausch und verwiesen insbesondere auf die Möglichkeit, das gemeinsame Netzwerk zu erweitern.
Das erste Panel bestand aus sieben Präsentationen und einer Podiumsdiskussion zu nationalen (Italien, Deutschland, Schweden und Kanada), supranationalen (EU) und internationalen Ansätzen (Codex) gegen Lebensmittelbetrug. Während die zuständigen Behörden im Kampf gegen Lebensmittelbetrug mittlerweile vielfältige unterstützende Werkzeuge nutzen können – siehe z.B. die Einrichtung des Nationalen Referenzzentrums in Deutschland – ergeben sich durch Digitalisierung und künstliche Intelligenz (KI) neue Möglichkeiten, deren volle Nutzung allerdings entsprechende Budgets erfordern. Die Überwachung von E-Commerce mit den zahlreichen Möglichkeiten, gefälschte Lebensmittel oder Zutaten zu beschaffen, die zur Verfälschung verwendet werden können (z.B. maßgeschneiderte Zuckersirupe zur Verdünnung von Honig), gehört zu den größten Herausforderungen. Zudem arbeitet die amtliche Lebensmittelkontrolle in vielen europäischen Staaten oft auf verschiedenen Ebenen (kommunal, regional, national) und in verschiedenen Sektoren (Zoll, Strafverfolgung, Gerichte) entlang der Agrar- und Lebensmittelkette, was einen hohen Koordinationsaufwand für alle beteiligten Einheiten mit sich bringt. Auch der Erfindungsreichtum der Betrügerinnen und Betrüger stellt die Lebensmittelkontrolle vor immer neue Herausforderungen, und so besteht das gemeinsame Ziel des Verbraucherschutzes darin, vorausschauend zu handeln, um Betrug möglichst schon im Vorfeld zu verhindern. Abschließend betonten alle Vortragenden einstimmig die Notwendigkeit, der zuvor von Bundesminister Rainer hervorgehobenen supra- und internationalen Zusammenarbeit.
Das zweite Panel widmete sich neuen Herausforderungen, wie Klimawandel, Geopolitik, Wirtschaft und Zölle sowie Einfuhrbeschränkungen, die Lebensmittelbetrug in der Zukunft beeinflussen werden. Das Panel legte einen Schwerpunkt auf die interaktive Diskussion der Vor-Ort-Teilnehmenden: nach zwei Vorträgen, die allgemein in die Thematik einführten, teilte man sich in interaktive Arbeitsgruppen auf, um mögliche neue Einflussfaktoren auf Lebensmittelbetrug zu identifizieren. Aufgrund der begrenzten Zeit konzentrierten die beiden Arbeitsgruppenleiterinnen, Selvarani Elahi (Food Authenticity Network, UK) und Claudia Coral (Humboldt Universität zu Berlin), die Diskussion auf Faktoren mit einer hohen Eintrittswahrscheinlichkeit und starker Auswirkung. Die Teilnehmenden benannten eine breite Palette potenzieller Treiber aus verschiedenen sozialen, politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Zusammenhängen, was zeigt, dass der Kampf gegen Lebensmittelbetrug bei weitem keine einfache Herausforderung ist: Es handelt sich vielmehr um ein mannigfaltiges und komplexes Phänomen, das sich nicht leicht – insbesondere nicht innerhalb von 90 Minuten Diskussion – auf ein paar wenige und scheinbar zentrale Faktoren reduzieren lässt. Zweifellos wird der Klimawandel zu einer Anpassung landwirtschaftlicher Produktionsweisen und einer Verschiebung der Anbauflächen führen. Geopolitische Dynamiken, insbesondere bewaffnete Konflikte, werden Unterbrechungen in den Lieferketten, die Preisvolatilität sowie die Wahrscheinlichkeit von gestohlenen landwirtschaftlichen Produkten aus besetzten Gebieten deutlich erhöhen. Schließlich könnten höhere Zölle bzw. Einfuhrbeschränkungen zu Umgehungsstrategien wie dem Transport über Drittstaaten bzw. zur Verwendung billigerer, niedrig-qualitativerer Ersatzstoffe führen, um erhöhte Kosten auszugleichen und Gewinnspannen zu halten oder sogar zu erhöhen.
Die Komplexität von Lebensmittelbetrug stellt zudem eine große Herausforderung für die Entwicklung von Werkzeugen zur Prävention und von Frühwarnsystemen dar, von denen einige im dritten Panel vorgestellt wurden. Die vier Präsentationen konzentrierten sich auf den Vergleich verschiedener nationaler Modelle wie z. B. aus Deutschland (ISAR), Belgien (Belgian Early Warning System Project) und Österreich (FraudStat) sowie auf die europäische Ebene (TraceMap, FFRAUD-ER und die European Food Fraud Community of Practice). Alle gezeigten Beispiele machten deutlich, dass viel Zeit und Mühen in die Entwicklung von derartigen Systemen gesteckt werden muss, um mittels Datenanalyse vor die Lage zu kommen oder Lieferketten schnell zurückverfolgen zu können. Präventionsmodelle müssen jedoch oft auf Daten zurückgreifen (z. B. Außenhandelsstatistiken), die oftmals nur mit einer (naturgegebenen) Verzögerung von einigen Wochen zur Verfügung stehen. Viele Teilnehmende äußerten daher die Hoffnung, dass man mit den Möglichkeiten der KI eventuell diese Lücken schließen könnte.
Das vierte und letzte Panel widmete sich den Möglichkeiten von KI, Digitalisierung, Datenbanken und Datenmanagement. Während eine Präsentation Ansätze und Umsetzung von Wissensmanagement in der öffentlichen Verwaltung anhand zweier Beispiele demonstrierte, gab eine zweite Präsentation einen Einblick in das Potenzial von KI und Crowd-Science: Anhand einer Datenbank, die mit Bildern von Bananenstauden von Teilnehmenden aus aller Welt gespeist wurde, konnte ein Deep-Learning-Modell trainiert werden, um das Herkunftsland der Bananen mit vielversprechend hoher Genauigkeit vorherzusagen. In einem weiteren Beitrag wurde deutlich, dass die Zukunft der Europäischen Wein-Datenbank, die derzeit einen Dezentralisierungsprozess durchläuft, vorerst unklar ist Dies zeigt, dass die Datenhoheit, und die damit verbundene Bereitschaft oder der Widerwille, Daten zu teilen, eine große Herausforderung für jede Institution darstellt, die eine Referenzdatenbank aufbauen und unterhalten soll. Viele Teilnehmende der anschließenden Podiumsdiskussion kamen zu dem Schluss, dass drei Herausforderungen entscheidend sind: Erstens werden standardisierte Grundlagen benötigt, die derzeit jedoch noch nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden können (z. B. fehlen häufig noch standardisierte Ansätze zur Probenahme von Referenzmaterialien und deren Metadaten, praxistaugliche Definitionen etc.). Zweitens hängen Datenzugriffsrechte und Datenaustausch stark vom politischen Willen sowie den rechtlichen Voraussetzungen ab, um Daten zwischen verschiedenen Ebenen (regional/föderal, national/europäisch) teilen zu können. Darüber hinaus können rechtliche Vorgaben zum Datenschutz ein begrenzender Faktor sein. Drittens benötigt der Aufbau von Datenbanken und die Integration von KI-Modellen Entwicklungszeit, Rechenkapazitäten, Fachpersonal und ausreichendes Budget. Kurzfristig erfordert die Programmierung und das Trainieren von KI-Modellen höhere Personalkapazitäten. Langfristig müssen nicht nur für den Aufbau von Datenbanken, sondern auch für deren fortlaufende inhaltliche Aktualisierung, Wartung und Betrieb die entsprechenden Mittel eingeplant werden.
Zum Abschluss der Konferenz bedankte sich Andrea Pahne (BMLEH), die durch die gesamte Veranstaltung geführt hatte, bei allen Teilnehmenden, den Rednerinnen und Rednern und dem Organisationsteam für ihren Einsatz. Sie schloss mit der Bemerkung, dass nicht vergessen werden sollte, dass bereits viel im Kampf gegen Lebensmittelbetrug erreicht wurde und verwies dabei auf die enge Zusammenarbeit zwischen den Behörden auf allen Ebenen, die Standardisierung von Methoden, die Etablierung von Frühwarnsystemen und die Existenz eines gut zusammenarbeitenden europäischen Netzwerkes. Da Lebensmittelbetrug auch in Zukunft ein wichtiges Thema bleiben wird und die Betrügerinnen und Betrüger immer wieder neue Wege finden werden, um Lebensmittelkontrollsysteme sowie Nachweisverfahren zu umgehen, sind eine bessere Rückverfolgbarkeit, mehr Digitalisierung, mehr Informationsaustausch, der Einsatz von KI, Spezialwissen und eine ausreichende finanzielle Ausstattung erforderlich, um die Verbraucherinnen und Verbraucher erfolgreich vor Lebensmittelbetrug zu schützen.
Bildquelle: © MRI/M. Peiter
