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Stechapfel auf Futtermaisflächen

"From-Farm-to-Fork“- Studie zum Transfer von Stechapfeltoxinen

Wenn Giftpflanzen auf Futteranbauflächen auftreten und bei der Ernte in das Tierfutter gelangen, können die Toxine in tierische Lebensmittel übertragen werden und so deren Sicherheit beeinträchtigen. In Hinblick auf die seit einigen Jahren zunehmende Ausbreitung von Stechapfelpflanzen auf Futtermaisflächen in Norddeutschland wurden auf dem MRI-Versuchsgut Schädtbek Studien zu möglichen Auswirkungen auf die Sicherheit von Milch und Milchprodukten sowie möglichen Verbreitungswegen der Giftpflanze durchgeführt.

 

Hintergrund

In den letzten Jahren konnte eine zunehmende Ausbreitung des giftigen Stechapfels (Datura stramonium) nach Mittel- und Nordeuropa beobachtet werden. Auch in Schleswig-Holstein wurde die Giftpflanze bereits auf Futtermaisflächen nachgewiesen. Wird der Befall vor der Maisernte nicht bemerkt, gelangen die Stechapfelpflanzen in das Rinderfutter und werden von den Tieren unbemerkt aufgenommen. Ist die Maissilage stark belastet, können bei den Rindern Vergiftungssymptome auftreten. Aber auch bei einer Aufnahme von nur gering mit Stechapfel belasteter Maissilage könnten die Pflanzengifte (Tropanalkaloide) in die Milch der exponierten Kühe übertreten und so mit dem Lebensmittel zum Verbraucher gelangen. Über das genaue Ausmaß des Transfers der Tropanalkaloide in die Rohmilch und daraus hergestellter Milchprodukte ist jedoch noch wenig bekannt. Bislang ist zudem nicht geklärt, auf welchem Weg sich der Stechapfel weiter ausbreiten kann. Möglicherweise werden die Samen der Giftpflanze mit dem Kot der Tiere ausgeschieden und können so bei einer Verwendung von Mist als Düngemittel zu einer weiteren Verbreitung des Stechapfels beitragen.

 

Tropanalkaloide

Tropanalkaloide (TA) kommen als giftige Inhaltsstoffe in verschiedenen Pflanzenfamilien vor. In Mitteleuropa sind hauptsächlich Nachtschattengewächse wie Stechapfel (Datura stramonium), Tollkirsche (Atropa belladonna) und Bilsenkraut (Hyoscyamus niger) relevant. TA beeinflussen bereits bei sehr geringen Aufnahmemengen unter anderem das zentrale Nervensystem sowie die Herz- und Atemfrequenz. Diese Wirkungen werden medizinisch beispielsweise zur Reduktion des Speichelflusses in der Narkosevorbereitung, zur Pupillenerweiterung oder zur Behandlung von Darmkrämpfen und Koliken genutzt.

 

Fütterungsstudie

Auf dem MRI-Versuchsgut Schädtbek kann in Zusammenarbeit mit dem MRI-Molkereitechnikum Kiel die gesamte Lebensmittelkette von der Futtermittelproduktion bis zum fertigen Lebensmittel („from-Farm-to-Fork“) abgebildet werden. Im Rahmen einer Fütterungsstudie wird untersucht, ob die Aufnahme tiergesundheitlich unbedenklicher Mengen von mit Stechapfel belasteter Maissilage zu einem Transfer der Pflanzengifte in die Milch führen kann. Die Milch aus dem Fütterungsversuch wird zudem zu Käse verarbeitet, um den Einfluss der Verarbeitungs- und Reifungsprozesse auf den TA- Gehalt der Milchprodukte zu beschreiben. Zur Abklärung möglicher Verbreitungswege des Stechapfels wird zusätzlich die Keimungsfähigkeit der mit dem Kot ausgeschiedenen Stechapfelsamen am Julius Kühn-Institut (JKI, Institut für ökologische Chemie, Pflanzenanalytik und Vorratsschutz, Berlin) untersucht.

 

Vorläufige Ergebnisse

Vorläufige Auswertungen der bisherigen Versuchsdaten haben gezeigt, dass bei einer Exposition von Kühen mit stechapfelhaltiger Maissilage geringe Mengen TA in deren Milch übertreten. Auch ein geringer Transfer der Pflanzentoxine in den aus dieser Milch hergestellten Käse konnte nachgewiesen werden. Sobald alle Versuchsdaten vollständig vorliegen und ausgewertet sind, werden sie dem BfR für die Risikobewertung zur Verfügung gestellt.

Die Versuche am JKI haben gezeigt, dass die Keimungsfähigkeit der Stechapfelsamen bereits durch die Silierung reduziert werden kann. Basierend auf diesen ersten Ergebnissen scheint eine Verbreitung des Stechapfels über Mist als Düngemittel eher unwahrscheinlich. Allerdings werden noch weitere Daten benötigt, um diese Fragestellung abschließend zu beantworten. Daher werden zurzeit in Kooperation mit dem Versuchsgut Futterkamp der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein und dem JKI weitere Versuche durchgeführt, um den Einfluss verschiedener Siliermittel und Silierdauer auf die Keimungsfähigkeit der Samen zu untersuchen. Nach Abschluss dieser Versuche sollen die Ergebnisse genutzt werden, um betroffene Landwirte bei der Vermeidung einer weiteren Verbreitung des Stechapfels zu unterstützen.