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Aktuelles

Ordnung im Chaos

Gattung Lactobacillus neu sortiert


Die Gattung „Lactobacillus“ war lange ein Sammelbecken in der Bakterien-Taxonomie. Alle Gram-positiven, Milchsäure produzierenden, stäbchenförmigen Bakterien, die keine Sporen bilden können, wurden bisher dieser Gattung fast automatisch zugeordnet. Dabei umfasst die Gattung eine große Vielzahl an Bakterien, die sich genetisch sehr unterscheiden (d.h. in ihrem Mol% GC-Gehalt, in ihrer Genomgröße als auch in der Anzahl der Gene).

In einer Kooperation des Instituts für Mikrobiologie und Biotechnologie des Max Rubner-Instituts mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Belgien, China, Italien, Irland, Kanada und Taiwan unter der Federführung von Prof. Michael Gänzle der Universität Alberta in Edmonton, Kanada wurde das bisherige Chaos in der Taxonomie der Gattung Lactobacillus jetzt endlich neu geordnet.

In einem mehrphasischen Ansatz, beruhend auf i) den physiologischen Daten, ii) der Kern-Genomphylogenie, iii) der durchschnittlichen Aminosäureidentität und iv) den kladenspezifischen Untersuchungen der Signaturgene konnte die Gattung Lactobacillus neu beschrieben und nicht weniger als 23 zusätzliche Gattungen neu definiert werden. Die Autoren haben die Ergebnisse in einem Artikel der Fachzeitschrift International Journal of Systematic and Evolutionary Microbiology publiziert (https://www.microbiologyresearch.org/content/journal/ijsem/10.1099/ijsem.0.004107).

Obwohl es ein großer Erfolg für die Wissenschaft ist, wird es der Lebensmittelindustrie vermutlich einige Probleme bereiten. Weltweit erfolgt ein Handel mit Lactobazillen, die als Starterkulturen für Lebensmittelfermentationen wie z. B. Joghurt-, Käse- oder Rohwurstfermentationen eingesetzt werden. Aus diesem Grund wurden in einem “Lactic Acid Bacteria Industrial Platform“ (LABIP) Workshop, die neuen Erkenntnisse zur Taxonomie der Milchsäurebakterien vorab mitgeteilt und diskutiert (https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0924224419303164). An diesem Workshop nahmen sowohl Wissenschaftler als auch Vertreter der Industrie teil.

Die Namensänderungen der neuen Gattungen werden sich daher zukünftig nicht nur auf die beteiligten Starterkulturen, sondern auch auf die Kennzeichnung der fermentierten Lebensmittel auswirken.

Zur Abb. 2 "Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme einer Lactobacillus fermentum Kultur.": Diese Spezies wurde bereits 1901 von dem niederländischen Mikrobiologen Prof. Martinus Willem Beijerinck beschrieben und muss zukünftig - nach fast 120 Jahren - als Limosilactobacillus fermentum bezeichnet werden.

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Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme einer Lactobacillus fermentum Kultur. (© MRI/ Dr. Horst Neve)