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Aktuelles

Neuartige Erreger in Fleisch und Milch

Aktuelle Bestandsaufnahme von BfR und MRI

Im Rahmen einer Presseveranstaltung am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) am 8.3.2019 wurde eine bestimmte Klasse von Erregern, die in Rindfleisch und in Milch nachgewiesen werden können, als relevant für die Entstehung von Brust- und Dickdarmkrebs vorgestellt. Diese sogenannten „Bovine Meat and Milk Factors“ (BMMF) sollen, nach Prof. Dr. Harald zur Hausen, chronische Entzündungen verursachen und so eine Umgebung, die für die Entstehung der Krebserkrankungen förderlich ist, bereiten.

Allerdings weisen BfR und MRI darauf hin, dass bisher veröffentlichte epidemiologische Studien, zwar eine Korrelation zwischen dem Konsum von rotem Fleisch und Fleischerzeugnissen mit dem Auftreten von Darmkrebs zeigen, dass aber der hohe Konsum von Milch und Milchprodukten sogar mit einem verminderten Darmkrebsrisiko einhergeht. Laut World Cancer Research Fund (WCRF), einem globalen Wissenschafts-Netzwerk, mit dem Ziel der Prävention von Krebserkrankungen, führt weder der Konsum von rotem Fleisch noch der von Kuhmilch zu einem vermehrten Auftreten von Brustkrebs.

Für die sichere Einschätzung des Risikos, das durch BMMF besteht, sind noch zu viele Fragen offen: So fehlen zum Beispiel Untersuchungen zum Vorkommen von BMMF in gesunden Menschen und im Vergleich dazu in Menschen mit Krebserkrankungen. Die Mechanismen zu Entzündungs- und Krebsinduktion durch BMMF oder Fragen zur Infektiosität und Inaktivierung von BMMF in Lebensmitteln sind noch ungeklärt.

Somit kommen das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und das Max Rubner-Institut (MRI) auf der Grundlage der bisher veröffentlichten Studien zum Fazit, dass entsprechend der Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung der Verzehr von Fleisch sowie Fleischerzeugnissen auf maximal 600 Gramm pro Woche begrenzt werden sollte. Dagegen wird nach dem gegenwärtigen Stand des Wissens der Konsum von Kuhmilch weiterhin uneingeschränkt empfohlen.


Hintergrund

Laut den Unterlagen des DKFZ konnten aus Kuhmilch, Rinderserum und aus Proben vom Menschen eine Vielzahl der „Bovine Meat and Milk Factors“ isoliert werden. Es handle sich bei BMMF um einzelsträngige, ringförmige DNS-Elemente, die große Ähnlichkeit mit den Sequenzen spezifischer bakterieller Plasmide aufweisen. Die große Ähnlichkeit zwischen Isolaten aus Kuhmilch, Rinderseren und humanem Gewebe oder Serum deuteten, laut DKFZ, auf den Verzehr von Rindfleisch- oder Milchprodukten als möglichen Übertragungsweg hin. Die globale Epidemiologie einiger häufiger menschlicher Krebsformen (z.B. Dickdarm- und Brustkrebs) könnte auf eine Übertragung und Beteiligung von spezifischen Infektionen von Tieren auf den Menschen zurückgeführt werden. Das geografische Verteilungsmuster der Neuerkrankungsraten von Darm- und Brustkrebs deute zudem auf einen engen Zusammenhang mit dem Konsum von Milch- und Rindfleischprodukten hin, so das DKFZ. BMMF stellten, laut dem Deutschen Krebsforschungszentrum, eine neue Klasse von Erregern dar, die in ihren Charakteristika zwischen Viren und Bakterien liegen. Es weist darauf hin, dass die Natur dieser Erreger bisher nicht eindeutig definiert werden konnte.

Über 120 verschiedene Typen von BMMF-DNS wurden bisher aus kommerziell erhältlicher Kuhmilch, Kuhmilchprodukten und aus Serumproben gesunder Rinder isoliert, so das DKFZ. Eine Vervielfältigung verschiedener BMMF in menschlichen Zellen wurde nachgewiesen, wobei die Erreger dabei auf zelluläre Proteine angewiesen sind, die noch nicht bestimmt wurden. Außerdem wurden bei insgesamt 350 sowohl gesunden als auch krebskranken Personen Serum-Antikörper gegen BMMF nachgewiesen, was eine Exposition gegenüber dem Erreger belegt. In Tumorzellen wurden bisher jedoch keine BMMF-Sequenzen detektiert.
BMMF infizierte Gewebebereiche zeigen erhöhte Spiegel reaktiver Sauerstoffverbindungen, die ein typisches Merkmal für Entzündungen darstellen und die Entstehung von Erbgutveränderungen begünstigen. Das DKFZ geht davon aus, dass es durch den Verzehr von Milchprodukten und/oder Rindfleisch zu einer Infektion mit BMMF insbesondere im frühen Säuglingsalter aufgrund des noch nicht vollständig entwickelten Immunsystems kommen kann. Die Erreger sollen nach der Infektion in bestimmten Geweben (Darm, Brust) eine chronisch-entzündliche Reaktion auslösen, die im umgebenden Gewebe die Krebsentstehung (insbesondere für Dickdarm-, möglicherweise auch für Brust- und Prostatakrebs) fördern kann. Zum Ausbruch der Krankheit soll es erst Jahrzehnte nach der eigentlichen Infektion kommen. BMMF sollen hierbei indirekt karzinogen wirken. Dies bedeutet, dass sie nicht direkt in krebsfördernde molekulare Prozesse der Zelle eingreifen, sondern eine - zumeist entzündliche - krebsfördernde Umgebung schaffen. Aus den geschilderten Gründen schlussfolgert das DKFZ, dass keine direkte Kausalität zwischen einer Infektion mit BMMF und beispielsweise Darmkrebs besteht, sondern dass BMMF einen Anteil am Darmkrebs-Risiko tragen, welcher aber nicht exakt beziffert werden kann.
Als mögliche Präventionsmaßnahme gegenüber einer Infektion mit BMMF nennt das DKFZ langes Stillen (über 6 Monate hinaus). Muttermilch beinhaltet zahlreiche Inhaltsstoffe mit antipathogenen Eigenschaften. Die Evidenz für einen Zusammenhang zwischen der frühen Ernährung mit Muttermilch und dem Krebsrisiko der Nachkommen im Erwachsenalter ist allerdings begrenzt. Am besten untersucht ist die Assoziation zum Brustkrebs. Die Ergebnisse sind jedoch nicht eindeutig. MRI und BfR kommen darum zum Schluss, dass Stillen als Präventionsmaßnahme für das Auftreten diverser Krankheiten grundsätzlich zu befürworten ist. Hinsichtlich der Prävention einer Infektion mit BMMF fehlen jedoch auch hier eindeutige Belege.

Stellungnahme BfR/MRI: Neuartige Erreger in Rind und Kuhmilchprodukten: Weitere Forschung notwendig (pdf)

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