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Aktuelles

Mikrobe des Jahres 2018: Lactobacillus

Roter Teppich für ein Milchsäurebakterium

Die Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM) hat ihre Wahl getroffen: Der Staffelstab der „Mikrobe des Jahres“ geht 2018 an das Milchsäurebakterium Lactobacillus. 2017 hatte Halobacterium salinarium den Titel inne. Während Halobacterium im passenden Umfeld durch seine rote Färbung in Salzseen, aber auch im Federkleid von Flamingos durch unübersehbare Farbeffekte glänzt, ist das stäbchenförmige Milchsäurebakterium eher unscheinbar. Doch für den Menschen ist gerade diese Mikrobe von unschätzbarem Wert: Angesetzt auf ein Lebensmittel, bauen Milchsäurebakterien ungeheuer effizient Kohlenhydrate in Milchsäure um und hemmen somit wirkungsvoll andere unerwünschte Bakterien-Konkurrenten bei der Fermentation. Dabei ist Milchsäurebakterium nicht gleich Milchsäurebakterium: es gibt Vertreter unter dieser heterogenen Gruppe, die neben der Milchsäure noch weitere Nebenprodukte in nennenswerter Menge produzieren, etwa Alkohol, Essigsäure oder sogar Kohlendioxid. Andere Milchsäurebakterien tun dies nicht. Bei ihnen ist der Name Programm und ihr „Output“ ist ganz überwiegend Milchsäure. Manche wiederum bilden auch kleinere Mengen an wichtigen Aromastoffen, wie z.B. Diacetyl (Butteraroma) und Acetaldehyd (Joghurtaroma). Am Ende steht eine riesige Vielfalt fermentierter Produkte zur Verfügung,  wie etwa Sauerkraut, Salami, Käse und Joghurt.

Milchsäurebakterien fliegen uns nicht zu, nein, sie sind schon da. Vom neugeborenen Baby bis zum Erwachsenen: diese Bakterien halten uns ein Leben lang die Treue. Bei der Geburt werden die ersten Milchsäurebakterien aufgenommen, später sind nicht zuletzt die fermentierten Lebensmittel ein Transportmittel für diese Bakterien in unseren Darmtrakt. Bakterien, die zur Herstellung von Käse und Rohwürsten eingesetzt werden, können im Dickdarm wiedergefunden werden. Eine große Vielfalt an Bakterien im Darm bedeutet ein geringeres Risiko für verschiedene Krankheiten. Zudem erhält das Immunsystem über solche Bakterien wichtige Signale, die für eine wirksame Immunabwehr Voraussetzung sind.

Mit Unterstützung des Max Rubner-Instituts findet sich unter Wikipedia „Mikrobe des Jahres“ ein Eintrag mit vielen interessanten Informationen zu der multipotenten Mikrobe, ergänzt durch ein anschauliches  Rasterelektronenmikroskop-Foto des Staffelstabträgers Lactobacillus aus dem MRI-Institut für Mikrobiologie und Biotechnologie. Ein tiefer gehender, dennoch gut lesbarer Artikel des MRI-Instituts und des Lehrstuhls für mikrobielle Ökologie der TU München, der im Januar 2018 in der Zeitschrift BIOspektrum erschienen ist, bietet weitere spannende Einblicke in das Thema.

© Horst Neve, Max Rubner-Institut