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Superfood für Superhelden

Goji-Beeren, Spirulina-Algen oder Weizengras – sogenanntes Superfood liegt voll im Trend. Dagegen hilft nicht einmal unangenehmer Geruch oder wenig ansprechender Geschmack. Je exotischer desto besser, je rarer und teurer desto erstrebenswerter, je unbekannter desto cooler. Der Gesundheit schadet der Superfood-Trend in der Regel zum Glück nicht, eher dem Geldbeutel.

In Zeiten, in denen Filme über Superhelden ein eigenes Genre bilden, liegt es nahe, dass auch unter den Lebensmitteln „Superfood“ gecastet wird. Doch ebenso wenig wie Superman in der Realität durch die Lüfte fliegt, gibt es das eine Lebensmittel , das gesundheitliche Wunder wirkt. Für die Wahrscheinlichkeit, an einer Krankheit zu erkranken oder aber gesund zu bleiben ist der gesamte Lebensstil wichtig. Ernährung und Bewegung sind wichtige Größen dabei.

Unnötig zu sagen, dass die Kategorie „Superfood“ nicht aus der wissenschaftlichen Begriffswelt stammt, sondern im Bereich des Marketings angesiedelt ist. Wie die Nationale Verzehrsstudie II eindrücklich gezeigt hat, wird der Bedarf an Nährstoffen über die übliche Nahrung sehr gut abgedeckt. Selbst die vielzitierte Frühjahrsmüdigkeit kann üblicherweise nicht auf den Mangel an Vitaminen zurückgeführt werden – und ist somit auch nicht durch Superfrüchte aller Art zu beheben.

Zusätzlichen Schutz vor bestimmten Krankheiten bietet jedoch durchaus der Verzehr von Gemüse, Obst oder Vollkornprodukten –möglichst jeden Tag mehrmals. Dabei schneiden allerdings heimische Früchte wie etwa die Schwarzen Johannisbeeren, der Apfel, Möhren oder Broccoli nicht schlechter ab, als die exotischen Genüsse. Die Mischung macht’s - ebenso wie der regelmäßige Verzehr von nicht zu kleinen Mengen. So haben zwei Äpfel am Tag eine wissenschaftlich belegbar deutlichere Wirkung auf die Gesundheit als ein einzelner Apfel. Ernährungsfehler, wie eine zu große Aufnahme an raffinierten Kohlenhydraten, können aber weder die heimischen noch die exotischen Superfrüchte kompensieren.
Interessant für die Bewertung von Superfrüchten aus weit entfernten Ländern sind nicht zuletzt Produktionsverfahren, Haltbarmachung und Darreichungsform. Gefriergetrocknete Beeren enthalten weit mehr der wertvollen Inhaltsstoffe als etwa Lösungen. Werden Chia-Samen als Ganzes übers Müsli gestreut, geht es ihnen nicht besser als den ebenso wertvollen heimischen Leinsamen, wenn sie nicht geschrotet verzehrt werden: mehr oder weniger unverdaut verlassen sie den Körper wieder samt der erwünschten Inhaltsstoffe wie etwa Omega-3-Fettsäuren.

Wenn von Wunderwirkungen bestimmter Einzelstoffe in der Werbung die Rede ist, so wurden Studien – wenn solche überhaupt vorhanden sind – meist mit Reinsubstanzen im Reagenzglas durchgeführt. So finden sich in wissenschaftlichen Datenbanken mehr als 1.000 Artikel zu „Anthocyanen“, die zu den Sekundären Pflanzenstoffen gehören, aber kaum einer über die eigentlichen „Superfrüchte“, die wegen ihren hohen Gehalten an diesen beworben werden. Doch längst ist nachgewiesen, dass Lebensmittel mit ihren vielen Inhaltsstoffen im komplexen System „menschlicher Organismus“  anders wirken, als isolierte Stoffe. 

Welche Stoffe jedoch im Einzelnen in welchen Mengen im jeweiligen Superfood zu finden sind, ist häufig weniger klar, als es scheint. Denn eines haben die Superfrüchte mit den Superhelden der Filme gemeinsam: meistens ist ihre wahre Identität nicht, oder zumindest nicht vollständig, bekannt. Ob Chia-Samen oder Acai-Beeren – es gibt kaum seriöse Quellen für deren Inhaltsstoffe. Für rund 15.000 Lebensmittel bietet der Bundeslebensmittelschlüssel, den das Max Rubner-Institut betreut, bis zu 130 exakte Angaben zu Inhaltsstoffen. Noch sind Acai und Co. nicht dabei – wohl aber Heidelbeere, Apfel und die ganze heimische Palette von Beeren. Seriöse Analysen für Lebensmittel sind aufwendig und teuer. So schnell, wie die gehypten Früchte und Samen derzeit wechseln, lohnt sich dieser Aufwand kaum – was deren Absatz nicht zu schaden scheint.

Ab und zu finden sich unter den Helden der Lebensmitteln allerdings unversehens auch altbekanntes Gemüse: so scheint der Grünkohl inzwischen so weit vergessen zu sein, dass er als neue Attraktion in Form von Smoothies und Pülverchen gefeiert werden konnte.

© iStockphoto.com/ baibaz