Kunst für die Forschung und die Ernährung des Körpers, der Sinne und des Geistes
Festschrift von Dirk Teuber
Die Sprache der Architektur der Gegenwart in den Bedingungen des öffentlichen Bauens macht ästhetisch Momente sichtbar, die dem Ausdruck von Repräsentanz und Funktionalität gerecht werden können. Ästhetische Normen sprechen ihre eigenen Sprache, bieten ihre eigenen formalen Freiheiten. Über die inhaltliche Bestimmung des Gebäudes allerdings werden architektonisch gesehen kaum noch Aussagen gemacht. Das Primat liegt zumeist bei der städtebaulichen Einbindung und einer differenzierten architektonisch formalen Argumentation, gleichgültig, ob es sich nun bei dem Gebäude um einen Verwaltungsbau, ein Forschungsinstitut oder eine Klinik handelt. Hier kann durch die präzise Auswahl von Werken der bildenden Kunst spezifischer argumentiert und so ein geistiger Raum skizziert werden, der andere als bloß illustrierende oder dekorative Bezüge aufweist und zu Fragen herausfordert. Über die Funktion von Kunst im öffentlichen Raum wie im architektonischen Kontext ist in den vergangenen Jahren vielfach diskutiert worden. Man mag sie als Zutat instrumentalisieren, als Möglichkeit nutzen, Zeichen zu setzen, gestalterische Defizite der Architektur auszugleichen. Doch wird man dabei nicht ihrem eigentlichen Wesen gerecht, eine Vision zu formulieren, einen Anhalt zu geben, über Form und Motiv Deutungen und eine gedankliche Durchdringung der architektonischen Gegebenheiten wie der sie konditionierenden Wirklichkeiten sichtbar werden zu lassen. Gerade unter dieser Voraussetzung erscheinen die Werke, die die Kunstkommission der Oberfinanzdirektion Karlsruhe für die Bundesforschungsanstalt für Ernährung in Karlsruhe, zur Ausführung bzw. zum Erwerb empfohlen hat, von eigenwilligem Reiz. Sie wurden im Rahmen eines einstufigen beschränkten Wettbewerbs bestimmt, der 1994 von der Kunstkommission unter dem Vorsitz von Finanzpräsident Meinrad Büche juriert wurde.
Skulpturen von Stephan Balkenhol
Im Zusammenspiel mit der lichten Architektur der Hamburger Architektengruppe Planen und Bauen, APB, ergibt sich ein Ensemble von Kunstwerken, das die Frage, ob nun die Architektur das Primat hat oder die Kunst als obsolet erscheinen lässt. Zumal jedes einzelne Kunstwerk sich als Argument einer eigenen autonomen Werkstrategie behauptet, die sich kommentierend in das Gebäude einbindet. Im Einzelnen wie in der Zusammenschau wird dem lesewilligen Betrachter unvermutet zu Erkenntnis und Diskussionsstoff verholfen durch Bildfindungen, die Soziabilität, allgemeines Verständnis, Befremden wie inspirierende Fragen auszulösen vermögen. In der Bundesforschungsanstalt für Ernährung ist es gelungen, eine für die Kunst am Bau semantisch überzeugende wie künstlerisch aktuelle Vision der neunziger Jahre zu entfalten, deren Gehalt eine nicht bloß dekorative Lösung sucht. Im Leben außerhalb von Museum und Galerie wird hier ein Maßstab gesucht und unter Beweis gestellt, ohne programmatische Eineindeutigkeit und plakative Simplifizierungen zu behaupten. Den Besuchern und mehr noch den Mitarbeitern möge dies als ein alltägliches Angebot dienen, den eigenen Vorstellungen in den Bildern und ihren Zusammenhängen nachzuschauen.
